Article published In: Historiographia Linguistica
Vol. 19:1 (1992) ► pp.65–96
Zur Diskussion Über den Begriff ‘Tochtersprache’ im 19. Jahrhundert
Article language: German
Published online: 1 January 1992
https://doi.org/10.1075/hl.19.1.05vel
https://doi.org/10.1075/hl.19.1.05vel
Zusammenfassung
Der Begriff ‘Tochtersprache’ spielt in der Sprachdiskussion des 19. Jahrhunderts eine eher untergeordnete Rolle, seine inhaltliche Bestimmung ist jedoch in Zusammenhang mit dem Orientierungswechsel innerhalb der vergleichenden Sprachbetrachtung von Interesse. Vor allem durch die Abgrenzung gegenüber dem Komplementärbegriff ‘Schwestersprache’ u.a. durch Franz Bopp gewinnt er deutlich an Präzision. Innerhalb des von den beiden Schlegel ausgehenden Sprachenklassifikationsmodells ist insbesondere die Bestimmung des Verhältnisses von ‘Tochtersprachen’ zum analytischen Sprachtyp problematisch. In einem anderen Kontext dient die Bezeichnung ‘Tochtersprache’ in direkter Abbildung politischer Auffassungen auf die Sprachbetrachtung dazu, das Französische als vom Latein abgeleitete Sprache insbesondere dem ‘ursprünglichen’ Deutschen gegenüberzustellen. Die inhaltliche Reduzierung auf den oftmals ideologisch geladenen Begriff des Verfalls, die nach 1850 insbesondere durch Heymann Steinthal erfolgt, führt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer kritischen Bewertung des Tochtersprachenbegriffs, der in einem auf nachweisbare ‘Fakten’ orientierten sprachwissenschaftlichen Konzept an Bedeutung verliert. Einen wesentlichen Einfluß auf diese Diskussion haben die Vertreter der in Deutschland noch jungen Neuphilologien.
Summary
The concept of ‘daughter language’ played a subordinated role in the philological discussion of the 19th century, but its subsequent semantic differentiation marks a change of perspective in German comparative philology. A detailed analysis of the concept of ‘daughter language’ is connected with the precise definition of the complementary concept of ‘sister language’ introduced in a more specified genetic sense by Franz Bopp. The assignment of ‘daughter language’ in conjunction with that of ‘analytic’ language introduced typological problems into the debate only within the Schlegel-Humboldt-Steinthal line. The contrastive characterization of Romance languages and Latin influenced by the French-German relations on the political scene led to a negative evaluation especially of French. This
Résumé
Bien que la notion de ‘Tochtersprache’, ‘langue fille’ occupe une place plutôt subordonnée dans la discussion philologique du XIXe siècle, sa définition fait partie d’un changement de perspective dans la linguistique comparée. Avec la définition précise du terme complémentaire de ‘langue soeur’ introduit par Franz Bopp, la sémantique de ‘Tochtersprache’ gagne en clarté. L’emploi de ce terme implique aussi – dans certaines écoles de pensée – un problème typologique, dans ce sens qu’on attribue ces langues au type analytique. Étant influencée par le contexte historique et politique des relations Franco-Allemandes, la description comparée des langues romanes et latine comprend un aspect dépréciatif, surtout en ce qui concerne le français par rapport à l’allemand. C’est Heymann Steinthal qui réduit le concept de ‘Tochtersprache’ à cet aspect évaluatif et qui, de cette façon, provoque une critique fondamentale de ce concept pendant les dernières décennies du XIXe siècle. Cette tendance est renforcée par l’essor des langues modernes comme objet de recherche scientifique et dans l’enseignement.
References (44)
Adelung, Johann Christoph. 1782. Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, zur Erläuterung der Deutschen Sprachlehre für Schulen. Berlin: Reimer.
Adelung, Johann Christoph. & Johann Severin Vater. 1809. Mithridates oder allgemeine Sprachenkunde mit dem Vater Unser in bey nahe fünfhundert Sprachen und Mundarten. Zweiter Teil. Berlin: Voss.
Arens, Hans. 1969. Sprachwissenschaft: Der Gang ihrer Entwicklung von der Antike bis zur Gegenwart. 21. erweiterte Auflage Freiburg: Karl Alber. (Ungekürzte Lizenzausgabe, Frankfurt am Main: Athenäum/Fischer, 1974.)
Benecke, Albert. 1869. “Lateinisch und Romanisch, mit Bezug auf Scholles Auffassung der Tochtersprachen und Steinthals eigenthümliche Beurtheilung des Romanischen”. Archiv für das Studium der neueren Sprachen 451.337–372.
Bopp, Franz. 1972. “Über die Verwandtschaft der malayisch-polynesischen Sprachen mit den indisch-europäischen”. Kleinere Schriften zur Vergleichenden Sprachwissenschaft, 235–310. Leipzig: Zentralantiquariat. (Unveränderter Nachdruck der 1840 in der Preußischen Akademie der Wissenschaften gelesenen Abhandlung.)
. 1841. Über die Verwandtschaft der malayisch-polynesischen Sprachen mit den indisch-europäischen. Berlin: Ferdinand Dümmler.
Borst, Arno. 1960. Der Turmbau von Babel: Geschichte und Meinungen über Ursprung und Vielfalt der Sprachen und Völker. Band 31: Umbau. Teil 11. Stuttgart: Anton Hiersemann.
Bumann, Waltraud. 1965. Die Sprachtheorie Heymann Steinthals. Phil. Diss. der Johannes-Gutenberg-Universität zu Mainz: Mainz: ohne Verlagsangabe.
Christmann, Hans-Helmut. 1976. “Sprachwissenschaft und Sprachlehre: Zu ihrem Verhältnis im 18., 19. und 20. Jahrhundert”. Die Neueren Sprachen 751.422–437.
. 1985. Romanistik und Anglistik an der deutschen Universität im 19. Jahrhundert. (=
Abhandlungen der geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur; Jahrgang 1985, Nr.1.) Wiesbaden: In Kommission bei Franz Steiner.
Eimele, Franz. 1862. Die wesentlichen Unterschiede der Stamm- und abgeleiteten Sprachen, hauptsächlich an der deutschen und französischen Sprache nachgewiesen. Berlin: F. Dümmler.
Fuchs, August. 1849. Die romanischen Sprachen in ihrem Verhältnisse zum Lateinischen. Hrsg. von Louis Blanc. Halle: H.W. Schmidt.
Grimm, Jacob. 1875[185i]. “Ueber den Ursprung der Sprache”. Auswahl aus den kleineren Schriften, 224–271. Berlin: F. Dümmler.
Humboldt, Wilhelm von. O. J. [1820]. Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung. Leipzig: Felix Meiner. (Gelesen in der Berliner Akademie am 29. 6. 1820.)
1907[1836]. Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts. (=
Gesammelte Schriften
, hrsg. von Albert Leitzmann, Bd. VII/1. Berlin: Behr. (Erste Ausgabe, Berlin: F. Dümmler, 1836.)
Knobloch, Clemens. 1988. Geschichte der psychologischen Sprachauffassung in Deutschland von 1850 bis 1920. Tübingen: Max Niemeyer.
Koerner, Konrad. 1989. “August Schleicher and Linguistic Science in the Second Half of the 19th Century”. Practicing Linguistic Historiography: Selected essays, 325–375. Amsterdam & Philadelphia: John Benjamins.
Leibniz, Gottfried Wilhelm. 1973[c.1708]. Observata quaedam occasione Thesauri linguarum septentrionalium Hikkesiani. Handschrift: Hann. Nds. LB, Ms. IV 441 Bl1. 3–14. [Nach der Handschrift zitiert in Schulenburg 1973: 190–191. (Redigiert um 1708).]
Lüdtke, Jens. 1978. Die romanischen Sprachen im Mithridates von Adelung und Vater: Studie und Text. (=
Lingua et Traditio, 4.) Tübingen: Gunter Narr.
Müller, Max. 1875. Vorlesungen über die Wissenschaft der Sprache. 3. Auflage. Leipzig: Gustav Mayer. (1. deutsche Auflage 1866; englisches Original erschien erstmalig 1861.)
Niederehe, Hans-Josef. 1984. “Das Spanische im ‘Mithridates’ von Adelung und Vater”. Sprache und Kulturentwicklung im Blickfeld der deutschen Spätaufklärung, hrsg. von Werner Bahner, 245–252. Berlin: Akademie-Verlag.
Pott, August Friedrich. 1833. Etymologische Forschungen auf dem Gebiete der Indo-Germanischen Sprachen, mit besonderem Bezug auf die Lautumwandlung im Sanskrit, Griechischen, Lateinischen, Littauischen und Gothischen. Bd.11. Lemgo: Meyer.
. 1840. “Indogermanischer Sprachstamm”. Allgemeine Encyklopaedie der Wissenschaften und Künste, hrsg. von Johann Samuel Ersch & Johann Gottfried Gruber, 21. Section, 1–112. Leipzig: J. F. Gleditsch.
Ricken, Ulrich. 1984. “Linguistik und Anthropologie bei Adelung”. Sprache und Kulturentwicklung im Blickfeld der deutschen Spätaufklärung: Der Beitrag Johann Christoph Adelungs, hrsg. von Werner Bahner, 124–134. Berlin: Akademie-Verlag.
Schlegel, August Wilhelm. 1818. Observations sur la langue et littérature provençales. Paris: Librairie grecque-latine-allemande.
Schlegel, Friedrich. 1808. Über die Sprache und Weisheit der Indier. Heidelberg: Mohr & Zimmer. (Wiederabdruck, mit einer Einleitung von Sebastiano Timpanaro, Amsterdam: John Benjamins, 1977.)
Schleicher, August. 1848. Sprachvergleichende Untersuchungen. T.11: Zur vergleichenden Sprachgeschichte.Bonn: H. B. König.
. 1850. Die Sprachen Europas in systematischer Uebersicht. Ibid. (Repr., with an introduction by E. F. K. Koerner, Amsterdam: John Benjamins, 1983.)
. 1871. Compendium der vergleichenden Grammatik der indo-germanischen Sprachen. 3. Auflage, Weimar: Böhlau. (1. Auflage, 1861–1862.)
Schmidt, Hartmut. 1986. “Die lebendige Sprache: Zur Entstehung des Organismuskonzepts”. Linguistische Studien des Zentralinstituts für Sprachwissenschaft. A/1511.1–145. Berlin.
Scholle, Franz. 1869. Über den Begriff Tochtersprache: Ein Beitrag zur gerechten Beurteilung des Romanischen, namentlich des Französischen. Berlin: W. Weber.
Schuchardt, Hugo. [1867-]1868. Der Vokalismus des Vulgärlateins. Bd.31: Nachträge und Register. Leipzig: B. G. Teubner.
Schulenburg, Sigrid von der. 1973. Leibniz als Sprachforscher. Mit einem Vorwort herausgegeben von Kurt Müller. Frankfurt: V. Klostermann.
Steinthal, Heymann. 1849. Rezension von Fuchs (1849). Allgemeine Literaturzeitung (Halle) 1891.353–368.
. 1850. Die Classification der Sprachen, dargestellt als die Entwicklung der Sprachidee. Berlin: F. Dümmler.
. 1864. “Das Verhältnis des Romanischen zum Latein in den Bedeutungen der Wörter”. Archiv für das Studium der neueren Sprachen 361.129–142. (Vortrag in der germanistisch-romanistischen Sektion der 23. Versammlung der Philologen und Schulmänner zu Hannover, 28. 9. 1864.)
Sternemann, Reinhard & Karl Gutschmidt. 1989. Einführung in die vergleichende Sprachwissenschaft. Berlin: Akademie-Verlag.
Telegdi, Zsigmond. 1985. “Ein Briefwechsel zwischen Wilhelm von Humboldt und Jacob Grimm”. ZPSK 38:5.559–563.
