Article published In: Bochumer Philosophisches Jahrbuch für Antike und Mittelalter: Band 23
Herausgegeben von Manuel Baumbach und Olaf Pluta
[Bochumer Philosophisches Jahrbuch für Antike und Mittelalter 23] 2020
► pp. 141–202
eine spurensuche
Proclus armeniacus
Frühe Hinweise aus dem 19. Jahrhundert zu den armenischen Übersetzungen, Kommentaren und Kommentatoren der Στοιχείωσις θεολογική des
Proklos.
Eine Spurensuche
Article language: German
Published online: 8 September 2021
https://doi.org/10.1075/bpjam.00059.jec
https://doi.org/10.1075/bpjam.00059.jec
Zusammenfassung
a. Angeregt von den Hinweisen aus dem armenischen Kloster in St. Lazzaro (Venedig) (seit 1825), bemerkten einige, auf die
kaukasischen Hochkulturen spezialisierte europäische Orientalisten, die Rezeption der proklischen Philosophie in Armenien. 1874, nach fast
fünfzig Jahren Forschungsarbeit, standen (mit zahlreichen Ungenauigkeiten und Fehlern) folgende Ergebnisse fest: I. Im 9. Jahrhundert
übersetzte der Georgier Petrizi die Στοιχείωσις θεολογική ins Georgische und fügte Kommentare hinzu. Diese Vorlage nutzte der Armenier
Simeon für eine erste armenische Übersetzung des proklischen Opusculums. Später, in der Frühen Neuzeit (17. Jahrhundert), erkannte dann ein
anderer armenischer Gelehrter, der ebenfalls den Namen Simeon‘ trug, die Fehler dieser ersten Translation, verbesserte sie und verfasste
ebenfalls einen Kommentar dazu. Handschriften dieser zweiten Fassung befanden sich in Westeuropa sowie in armenischen Klöstern.
b. Eine umfangreiche Auseinandersetzung mit den armenischen Procliana fand in Europa allerdings nicht statt. Die Ursache
für diese verpasste Gelegenheit liegt vor allem am mangelnden Interesse an einem vertieften Studium der armenischen Philosophie und an
fehlenden philologischen Fachkenntnissen. Nur C. F. Neumann kann dabei als Ausnahme gelten. Er wäre aufgrund seiner philosophischen und
philologischen Ausbildung zu einer qualifizierten Auswertung der armenischen Procliana in der Lage gewesen. Er suchte sogar nach diesen
Materialien, aber seine Recherchen führten nicht zum gewünschten Erfolg. Später verlor er die Philosophie der Armenier aus den Augen und
überließ das Feld anderen. Deren Kenntnis des Proklos und seiner Philosophie hielt sich dagegen in engen Grenzen und ging nicht über die
Informationen lexikalischer Handbücher hinaus. Das entsprach dem Geist der Zeit, die im Neuplatonismus keine bedeutende philosophische
Strömung sah. Dennoch führten diese Untersuchungen zu Einsichten in die Geschichte der armenischen Philosophie.
c. Die armenischen Procliana standen im 19. Jahrhundert niemals im Mittelpunkt der Forschung. Daran hat sich bis heute
kaum etwas geändert. Ein Umdenken kann jedoch nur dann gelingen, wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass auch Translationen als Dokumente
der interkulturellen Philosophie eine hohe Bedeutung besitzen und die Rekonstruktion derartiger Transfers zu wichtigen Ergebnissen führt;
Übersetzungen verknüpfen nicht nur Sprachwelten, sondern auch differente Weltdeutungen. Die armenischen Procliana bestätigen jedenfalls die
These, dass die Auffassung von separaten philosophischen Traditionen in Armenien und Georgien nur bedingt Gültigkeit besitzt.
Abstract
a. As from 1825, some European Orientalists who specialised in advanced civilizations in the Causacus – inspired by
hints coming from the Armenian monastery in San Lazzaro (Venice) – noticed the reception of Proclian philosophy in Armenia. In 1874, after
almost fifty years of research, the following results had been established (including numerous inaccuracies and errors): I. In the 9th
century, the Georgian Petrizi translated the Στοιχείωσις θεολογική into Georgian and added a commentary. The Armenian Simeon used this
template for a first Armenian translation of the Proclian opusculum. Later, in the early modern period (17th century), another Armenian
scholar, also by the name of ‘Simeon’, recognised the errors in this first translation, corrected them, and also wrote a commentary.
Manuscripts of this second version were found in Western Europe and in Armenian monasteries.
b. However, there was no extensive discussion of the Armenian Procliana in Europe. The reason for
this missed opportunity lies primarily in the lack of interest in an in-depth study of Armenian philosophy and in the lack of philological
expertise. Only C. F. Neumann (1793–1870) can be considered an exception. On account of his philosophical and philological education, he
would have been able to carry out a qualified evaluation of the Armenian Procliana. He even searched for these materials,
but his research did not lead to the desired result. Later on, he abandoned Armenian philosophy and ceded the field to others. However,
their knowledge of Proclus and his philosophy was limited and did not go beyond the information found in lexical manuals. This was
consistent with the spirit of the age which saw little or no philosophical importance in Neoplatonism. Nevertheless, these studies led to
insights into the history of Armenian philosophy.
c. In the 19th century, the Armenian Procliana were never the focus of research. In this regard,
little has changed to this day. However, rethinking can only be successful if it is recognised that translations are also of great
importance as documents of intercultural philosophy and that the reconstruction of such transfers leads to important results; translations
not only link language worlds, but also different world interpretations. In any case, the history of the Armenian Procliana corroborates the thesis that the philosophical traditions in Armenia and Georgia are more linked and intertwined than usually thought.
Article outline
- 1.Einleitung
- 2.Kaukasische Übersetzungen und Kommentare der Στοιχείωσις θεολογική
- 3.Die kaukasische Philosophie und ihre Entdeckung durch die neuzeitliche Orientalistik
- 4.Interkulturelle Forschungszentren
- 5.Sukias Somal
- 5.1Sukias Somal I (1825)
- 5.2Sukias Somal II (1829)
- 6.Carl Friedrich Neumann
- 6.1Vorgeschichte / Neumann in Heidelberg
- 6.2Neumann in Venedig und Paris (1828/29)
- 6.3Neumann in Berlin (1829/30)
- 6.4Neumann in München (1836)
- 7.Gottfried Bernhardy (1836)
- 8.Marie Felicité Brosset (1840)
- 9.Kerobe Patcanian (1860)
- 10.Marie Felicité Brosset (1842/1861)
- 11.Georg Rathgeber (1866)
- 12.Marie Felicité Brosset (1874)
- Anmerkungen
